Aufbruch in neuen Galaxien

Im Darm werden die Weichen für die Gesundheit des gesamten Körpers gestellt.

2007 entdeckte man einen neuen mikrobiologischen Kontinent. Nein, was rede ich da: Uns wurde der Blick auf neue, unbekannte mikrobiologische Galaxien gewährt. Denn damals brachten innovative technische Errungenschaften zur Analyse des Mikrobioms den Durchbruch bei der Erforschung der Darmflora. Gen-Sequenzierungen, Bio-Informatik und Methoden zur Erbgutentschlüsselung ermöglichten es nun, auch Keime, die auf den Nährstoffböden partout nicht wachsen wollten, zu erfassen und so mehr über sie zu erfahren. Dadurch können selbst kleinste Erbgutschnipsel identifiziert und den unterschiedlichen Keimen zugeordnet werden. Auf keinem anderen Forschungsgebiet herrscht derzeit eine solche Aufbruchsstimmung. Doch wir stehen noch am Anfang.

Aus wissenschaftlicher Sicht wurde die Blackbox Darmflora gerade erst geöffnet, und die Experten stehen staunend davor und sind fasziniert von den neuen Möglichkeiten, die sich ihnen für die Behandlung zahlreicher Krankheiten eröffnen. Depressionen, Demenz und Diabetes scheinen ebenso ihren Ursprung in einer Störung der Darmflora zu haben wie Übergewicht, Allergien und manche Hauterkrankungen. Diese Zusammenhänge sind so bedeutsam, dass allein in der Zeit von 2012 bis 2014 922 Millionen US-Dollar in die Erforschung des Mikrobioms geflossen sind.

Sicher ist schon jetzt: Mikroorganismen sind für uns Menschen und auch für die meisten Tiere lebenswichtig. Auch wenn jeder von uns eine kaum zählbare Masse an Keimen in sich trägt, so kann es doch sein, dass sich nicht die besten und hilfreichsten Stämme in unserem Darm breitgemacht haben oder dass das Mengenverhältnis der einzelnen Bakterien zu ihrer Gesamtheit nicht stimmt. Diesen Zustand nennt man „Dysbiose“ und meint damit eine Störung der Darmflora. Denn nur wenn die Keime, die auf und in uns leben, in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, macht uns das gesund und psychisch stabil. Je besser die Darmflora aufgestellt ist, desto schöner, gesünder und strahlender sind auch Haut und Haare. Die Zusammensetzung der Mikroben-Gemeinschaft im Darm variiert dabei in Abhängigkeit von unserer Ernährung und unserem Gesundheitszustand. Und umgekehrt entscheidet die Komposition der Keime wiederum über unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit.

Von den Tausenden unterschiedlichen Keimarten, die inzwischen bekannt sind – gerade hat man mal wieder ein paar Hundert neue entdeckt – besitzen wir „zivilisierten“ Menschen etwa 150 bis 200. Menschen hingegen, die sehr ursprünglich leben, wie zum Beispiel die Ureinwohner des Amazonasdschungels, beherbergen mehr als doppelt so viele gesunde Bakterienstämme in ihrem Darm. Doch das eine ideale Mikrobiom scheint es nicht zu geben (oder es wurde noch nicht entdeckt). Wahrscheinlich hat jeder seinen persönlichen Mix im Bauch, auf der Haut und den Schleimhäuten, der so individuell ist, wie das Leben des Einzelnen. Die Komposition der Mikroben gleicht einem Tagebuch unseres Lebens und erzählt davon, wie wir das Licht der Welt erblickten. Es berichtet von den vielen Haustieren, die wir auf die feuchte Schnauze geküsst haben, der Freundin, die mit uns immer so gerne den Kaugummi getauscht hat, der Oma, mit der wir auf dem Sofa gekuschelt haben oder der Tropenreise, auf der wir uns einen üblen Durchfall eingefangen haben. Ob wir häufig Antibiotika einnehmen mussten oder eine vegetarische Ernährungsweise bevorzugten, uns oft die Hände gewaschen haben oder es mit der Hygiene nicht ganz so genau nahmen (was für die Darmflora übrigens ganz gut ist) – das alles hinterlässt seine Spuren in unserem Gedärm.

Aus dem Bestseller Buch „Schön mit Darm“ von Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann