Bakteriengesteuertes Verhalten

Schüchtern, wild oder draufgängerisch? Eine Stuhlprobe gibt Auskunft.

Schüchtern, wild oder draufgängerisch? Eine Stuhlprobe gibt Auskunft.

Mäuse zeigen je nach Zusammensetzung ihrer Darmflora ein anderes Verhalten. Doch wie sieht das bei uns Menschen aus? Hängt die Entscheidung, ob wir in den Ferien einen Drachenflug-Kurs oder einen Häkel-Workshop besuchen wollen, gar nicht von unseren Vorlieben ab, sondern von der Komposition unserer Darmkeime? Offensichtlich sind tatsächlich nicht nur Erbanlagen oder Erziehung für unser Temperament verantwortlich. Wissenschaftler der Ohio State University fanden kürzlich heraus, dass auch die Darmbakterien mitmischen, wenn Kinder (und wahrscheinlich auch Erwachsene) draufgängerisch oder schüchtern, egozentrisch oder introvertiert sind. Dazu untersuchten sie die Stuhlproben von 77 Kleinkindern im Alter von 18 bis 27 Monaten. Gleichzeitig mussten die Mütter einen Fragebogen zum Verhalten ihrer Sprösslinge ausfüllen. Das Ergebnis überrascht: Je vielfältiger die Darmflora war, desto friedlicher, weniger impulsiv, besser gelaunt und sozialer waren die Kinder. Bei Jungen ließ sich ein Zusammenhang zwischen extrovertierten Kindern und der Häufigkeiten bestimmter Mikroben im Darm (vor allem solche aus der Rikenella- und Ruminococcus-Familie) nachweisen. Bei Mädchen hingegen bewirkte eine einseitige Darmbesiedelung mit vielen Rikenella-Bakterien ein eher ängstliches Verhalten verglichen mit den Mädels, deren Darmbewohner vielfältig waren. Jedoch waren die Girls mit der eher eintönigen Darmflora in der Lage, sich sehr fokussiert mit einer Sache zu beschäftigen. Auch hier zeigt sich, dass die Darmflora auch bei uns Menschen offensichtlich das Gehirn mitformt und über die Ausschüttung von aktivierenden, beruhigenden oder glücklich machenden Botenstoffen unsere Gefühlslage und unser Temperament beeinflussen kann.

Toxoplasmen steuern Menschen und Mäuse ins Verderben

Dass unsere Darmbakterien so viel mitzureden haben und sich auch in unsere Gefühlswelt einmischen, mag manchem komisch erscheinen. Richtig gruselig wird es aber, wenn man sich vorstellt, was manche Parasiten, die wir mit der Nahrung aufnehmen, in unserem Hirn anstellen. Am Beispiel der Toxoplasmose lässt sich das eindrucksvoll zeigen. Diese Krankheit befällt vor allem Katzen und nur in ihnen kann sich der Erreger vermehren. Um möglichst schnell in möglichst viele Katzen zu gelangen, greift der Toxoplasmoseerreger Toxoplasma gondii in die Trickkiste und macht Mäuse zu willenlosen Zombies. Mäuse sind ein wichtiger Zwischenwirt für den Parasiten. Sie sorgen für die Verbreitung des Erregers, wenn die infizierten Mäuse von Katzen gefressen werden. Und hier manipuliert der Mikroorganismus das Verhalten der Mäuse auf fast unheimliche Art und Weise: Hat sich der Parasit im Gehirn der Mäuse eingenistet, übernimmt er die Kontrolle über das Verhalten der Maus und macht aus ihnen ein Selbstmordkommando: Mäuse werden draufgängerisch, verlieren plötzlich ihre Angst vor Katzen, ja sie fühlen sich von den Stubentigern geradezu magisch angezogen. Ihre natürliche Angst vor dem Geruch von Katzenurin weicht plötzlich einer Vorliebe für diesen „Duft“, und so werden sie zu einer leichten Beute. Der Parasit hat damit sein Ziel erreicht: Die Maus wird gefressen und die Katze ist infiziert.

Auch Menschen stecken sich oft mit Toxoplasmose an. Etwa jeder Dritte trägt den Erreger in sich. Interessanterweise steuert diese kleine Mikrobe dann auch das menschliche Verhalten und verändert die Persönlichkeit der Infizierten. Männer werden beispielsweise misstrauischer, aggressiver, unvorsichtiger und risikobereiter. Männer, die mit Toxoplasmose-Parasiten infiziert sind, haben beispielsweise ein 2 ½-fach höheres Risiko, in einen Autounfall verwickelt zu werden.

Doch wie machen die Toxoplasmoseerreger das? Die Parasiten setzen sich in Zysten an den Nervenzellen und deren Stützgewebe, den Gliazellen, fest. Ein Team um den Wissenschaftler Glenn McConkey von der University of Leeds wies nach, wie die manipulativen Parasiten die Hirnchemie beeinflussen: Sie regen die Bildung des wichtigen Schlüsselbotenstoffs Dopamin in den infizierten Zellen an. Der Transmitter steuert unser Verhalten, ist wichtig für unser Gedächtnis und sorgt als Glückshormon für Mut, Lebensfreude und Wohlbefinden. Studien weisen darauf hin, dass „Sensationssucher“ und Draufgänger meist hohe Dopaminspiegel aufweisen. Niedrige Spiegel führen hingegen zu Antriebsarmut, Depressionen und Parkinson. Die Parasiten scheinen also auch bei uns Menschen das "Hasardeur-Hormon" Dopamin zu aktivieren und uns unvorsichtig und draufgängerisch zu machen.

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