Bauch und Hirn die getrennten Zwillinge

Bauch und Hirn die getrennten Zwillinge

Bauchhirn und Darmhirn - die getrennten Zwillinge

Von Geburt an sind Darm und Hirn ziemlich beste Freunde. Der eine kann nur schwer ohne den anderen. Doch warum gerade diese beiden? Warum kooperieren nicht Herz und Hirn oder Darm und Niere ähnlich eng? Nicht umsonst sagt man ja: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“, und der Verdauungstrakt hat – auch wenn es auf den ersten Blick überhaupt nicht so aussieht – mit unserem Oberstübchen einiges gemeinsam und von Geburt an entwickeln sie sich zusammen und zum gegenseitigen Nutzen. Bei der Entwicklung des Embryos im Mutterleib wird der Darm als eines der ersten Organe gebildet. Seine Nervenzellen ähneln stark den Nervenzellen im Gehirn. Kein Wunder, denn die Nervenzellen im Kopf und die Nervenzellen im Bauch entwickeln sich während der Schwangerschaft aus ein und demselben Gewebe. Während der Schwangerschaft wandert ein Teil des Ausgangsgewebes, aus dem später die Nerven gebildet werden, zum Gehirn. Einen anderen Teil davon zieht es Richtung Bauch, und daraus entsteht dann das Nervensystem des Darms. Bauchhirn und Kopfhirn sind also wie Zwillinge, die schon früh getrennt wurden, aber ein Leben lang über den Nervus vagus miteinander Kontakt halten. Ähnlich wie im Kopf werden auch die Neuronen im Bauch von sogenannten Gliazellen bei ihren Aufgaben unterstützt. Die Gliazellen bilden ein Stützgerüst für die Nervenzellen. Sie sind für die Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen wichtig. Studien zeigen, dass diese wichtigen Hirnzellen sich nur dann optimal entwickeln können, wenn die Mikroben im Darm auf Zack sind.

Doch der Darm hilft auch ein Leben lang, das Gehirn vor Schäden zu bewahren. Um die Nervenzellen vor Giftstoffen, gefährlichen Keimen oder ungeeigneten Nahrungsbestandteilen zu bewahren, besitzt das Gehirn die bereits erwähnte BlutHirn-Schranke. Diese ist notwendig, um das Gleichgewicht im Gehirn aufrechtzuerhalten. Sie stellt einen wichtigen Wachposten dar, der nur schwer zu überwinden ist. So gelangt auch nicht jedes Arzneimittel, das verabreicht wurde, bis zu den grauen Zellen. Im Tierversuch konnte jetzt gezeigt werden, dass es nur mit einer intakten Darmflora eine intakte Blut-Hirn-Schranke geben kann. Keimfreie Mäuse, die über keinerlei Darmflora verfügen, da sie steril von der Mäusemutter entbunden wurden, in keimfreien Käfigen leben und gereinigtes Futter fressen, wiesen eine stark erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke auf – verglichen mit Nagern, deren Darmflora ganz normal entwickelt war. Verabreichte man den keimfreien Tieren jedoch Darmbakterien, dann wurde die Blut-Hirn-Schranke wieder zu einer sicheren Festung für die Nervenzellen. Das belegt, wie gut sich unsere Darmflora ein Leben lang um das Wohlergehen des Gehirns kümmert.

Gute Gaben von Eltern und Darmkeimen

Unsere Kinder bekommen zwei Arten genetischer Informationen von ihren Eltern: Zum einen die Erbanlagen von Mama und Papa, zum anderen aber die unzähligen genetischen Informationen von Billionen Darmkeimen, die nicht nur während des Geburtsvorgangs, sondern bei jedem engen Kontakt ausgetauscht werden.

Insgesamt rund 22.000 Erbanlagen (Gene) geben Eltern ihrem Nachwuchs mit auf den Lebensweg. Diese legen zum Beispiel fest, ob wir blonde oder schwarze Haare, die Neigung zu Herzerkrankungen oder Kleinwuchs haben. Auch auf den Charakter und die Intelligenz nehmen sie einen gewissen Einfluss. Dass der Mensch bei seinem Denken und Handeln auf 22.000 Gene zurückgreifen kann, hört sich ja zunächst mal recht komfortabel an. Das sind ja auch immerhin doppelt so viele wie beim Regenwurm oder bei der Taufliege. Zu denken geben sollte uns aber die Tatsache, dass ein Wasserfloh mehr als 30.000 Gene besitzt. Und dass die eher unscheinbare japanische Einbeere – laut botanischem Lexikon eine „krautig wachsende Giftpflanze mit einer Wuchshöhe von 30 bis 80 Zentimetern“ – 50-mal mehr Erbinformationen aufweist als wir Menschen. Es muss deshalb noch etwas geben, was uns Menschen mit zusätzlichem genetischen Material versorgt.

Und tatsächlich: Eltern geben ihren Kindern noch mehr mit als magere 22.000 Gene. Forscher konnten feststellen, dass bei einjährigen Kindern Bakterien beider Elternteile im Darm zu finden sind. Und diese Keime verfügen über einen riesigen Genpool, der so manche Lücke, die das menschliche Genom nicht schließen kann, füllt. Die Darmbakterien verfügen über sage und schreibe 8 Millionen Gene, die die Vorlage für wichtige Eiweißstoffe liefern, welche für die Herstellung von Enzymen, Nervenfasern, Botenstoffen, Organen und anderen eiweißhaltigen Bestandteilen unseres Körpers notwendig sind. Die Menge an Erbinformationen, die unsere Darmkeime mitbringen, lässt sich auf den Inhalt von 1,8 Millionen Bibeln hochrechnen. Das ist gigantisch! Darmbakterien produzieren zudem mehr als ein Drittel der kleinen Moleküle, die sich in unserem Blut befinden.

Das zeigt, welch riesiges Stoffwechselpotenzial die Darmflora bereithält. Ein riesiger Bioreaktor, in dem tagein, tagaus lebensnotwendige Zutaten für unsere Gesundheit zusammengebrodelt werden. Die Darmkeime vergrößern die Anzahl der Zellen im menschlichen Körper beträchtlich und steuern zu unserem Gedeihen ein Vielfaches der Erbanlagen, die wir selber nicht besitzen, bei.

Aus dem Bestseller Buch „Schlau mit Darm“ von Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann