Clever durch Keime

Clever durch Keime - Intelligenz und Darmflora

Liebe geht bekanntermaßen durch den Magen. Aber wer hätte das gedacht: die Intelligenz und Cleverness auch! Ein bekanntes Zitat behauptet ja auch, die Weisheit könne man mit Löffeln essen. Inzwischen weiß man, dass eine ausgewogene Ernährung tatsächlich für eine schnellere Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtnis und eine bessere geistige Leistungsfähigkeit sorgen kann. Ähnlich wie ein Sportler seine Leistungen durch ein abgestimmtes Ernährungskonzept verbessern kann, benötigen auch Schüler und andere „Kopfarbeiter“ bestimmte Nährstoffe, damit das Denken reibungslos funktioniert. Mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung und Intelligenz befasst sich seit einigen Jahren ein neues Wissenschaftsgebiet, das sich Nutritional Neuroscience nennt, zu Deutsch: nahrungsbezogene Hirnforschung. Keith Conners von der Duke University in North Carolina ist einer der führenden Experten auf diesem Gebiet. Er hat unter anderem herausgefunden, dass sich die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit von Kindern durch eine ausgewogene Ernährung deutlich steigern lassen. Andere Studien zeigen, dass Kinder, die häufiger Fast Food verzehren, im IQ-Test schlechter abschneiden als Kinder, die Slow Food, also frisch zubereitetes Essen, erhalten. Ein „gut genährtes“ Gehirn sorgt in allen Altersklassen – ob Kind, Student, Berufstätiger oder Rentner – für eine bessere Konzentration, eine schnellere Auffassungsgabe, ein gutes Kurz- und Langzeitgedächtnis und eine insgesamt bessere geistige Leistungsfähigkeit. Das hängt zum einen von der Qualität und Menge der Nährstoffe ab. Die Gehirnsubstanz besteht zu einem großen Teil aus Fett. Um diese Substanz aufzubauen, müssen vor allem die entsprechenden hochwertigen Omega-3-Fettsäuren mit der Nahrung bereitgestellt werden. Doch welche Rolle spielen die Darmkeime? Wenn es um die Ernährung geht, sind sie ja das Bindeglied zwischen dem Teller und dem Gehirn. Alles, was unser Gehirn zum Arbeiten benötigt, muss erst mal die Kontrollstelle im Gedärm passieren. Nur wenn hier alles reibungslos läuft, kann auch der Körper gut mit Nährstoffen versorgt werden.

Wenn man sich anschaut, was die Darmflora alles im Hirn bewegt, kann man sich gut vorstellen, dass sie auch den IQ nach oben oder unten fahren kann. Zumindest im Tierversuch lässt sich die Gehirnleistung durch Bakterien beeinflussen. Tötet man bei Mäusen mit extrem starken Antibiotika die gesamte Darmflora, ändert sich auch die Hirnchemie. Die Tiere vergaßen bereits Gelerntes und konnten sich neue Sachen schlechter merken.

Ein anderer Versuch belegt die Achse zwischen Ernährung, Darmflora und Gehirn. Durch das, was auf den Teller kommt, ändert sich die Zusammensetzung der Keime, und diese wiederum wirken auf die grauen Zellen ein. Gesättigte Fette und Zucker sind bekanntermaßen nicht das Beste, was wir zu uns nehmen können. Ein Grund ist deren Wirkung auf die Darmflora. Denn unser „täglich Brot“ wirkt sich nicht nur direkt günstig oder ungünstig auf unsere geistige Leistungsfähigkeit aus, sondern auch die Darmflora reagiert auf ein Stück Kuchen anders als auf einen Apfel. Und davon hängt es ab, welche Nervenbotenstoffe die Helfer im Gedärm zusammenbrauen. Diese wirken dann auf unser Gehirn und beeinflussen so unser Denken, Fühlen und Handeln. Die Forscher der Oregon State University entdeckten nun einen Grund, weshalb sich Fast Food, Kuchen und Softdrinks so negativ auf unsere geistigen Fähigkeiten auswirken können. Sie setzten Mäuse entweder auf eine sehr fetthaltige oder eine sehr zuckerhaltige Ernährung. Vor und nach der Diät mussten die Tiere verschiedene Tests durchlaufen, die Rückschlüsse auf Erinnerungsvermögen, räumliche Orientierung oder Lang- und Kurzzeitgedächtnis zuließen. Bereits nach vier Wochen mit reichlich Fett oder viel Zucker im Futternapf ließen die geistige und auch die körperliche Leistungsfähigkeit der Nager – verglichen mit den Werten vor der Ernährungsumstellung und mit Mäusen, die „gesund“ ernährt wurden – merklich nach. Am deutlichsten war der Abbau der geistigen Flexibilität. Und auch die Darmflora blieb von der Ernährungsumstellung nicht unbeeinflusst. Bei beiden Diäten stieg der Anteil der Clostridien, einer Gruppe potenziell gefährlicher Keime, an, die auch bei der Entstehung von Übergewicht und Entzündungen ein Wörtchen mitreden. Die Änderungen waren bei der zucker- und kohlenhydratreichen Ernährung sogar noch ausgeprägter als bei der fettreichen. Besonders unter der „Zuckerdiät“ nahmen räumliches Vorstellungsvermögen und die geistige Beweglichkeit deutlich ab. Je höher der Anteil der Clostridien und je geringer der Anteil der Bacteroidetes war, desto schlechter wurde die geistige Leistungsfähigkeit.

Auch bei vielen Kindern, die unaufmerksam sind, sich schlecht konzentrieren können oder unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom) leiden, ist das bakterielle Gleichgewicht im Darm gestört. Das legt zumindest das Ergebnis einer Untersuchung nahe: Vor mehr als 13 Jahren wurden 75 neugeborene Kinder per Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt: Die eine erhielt in den ersten sechs Lebensmonaten das probiotische Bakterium Lactobacillus rhamnosus, die anderen Säuglinge bekamen ein unwirksames Placebo. In den ersten zwei Jahren wurden auch regelmäßig Stuhlproben der Kinder untersucht. Jetzt wurden die inzwischen zu Teenagern herangewachsenen Jugendlichen erneut von einem Neurologen untersucht. Man wollte feststellen, ob sich Symptome des Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndroms (ADHS), umgangssprachlich auch Zappelphilipp-Syndrom, oder auch von Autismus erkennen lassen. Das erstaunliche Ergebnis: In der Placebogruppe stellte man diese Erkrankungen bei 6 von 35 Kindern fest, in der Milchsäurebakterien-Gruppe bei keinem. Offensichtlich hatte die nur sechs Monate dauernde Gabe der wohlwollenden Keime die Gehirnentwicklung so entscheidend beeinflusst, dass sich die Auswirkungen auch eine Dekade später noch feststellen ließen. Und noch etwas fiel auf: In der Gruppe ohne Milchsäurebakterien fand man in den ersten Lebensmonaten viel weniger Bifidobakterien im Stuhl. Das lässt sich dadurch erklären, dass die Gabe eines Probiotikums auch für andere nützliche Keime, die in dem Präparat gar nicht enthalten sind, den Lebensraum Darm gemütlicher und besser bewohnbar macht. So konnten sich im Schutz der Milchsäurebakterien auch die nützlichen Bifidobakterien gut vermehren, denen man ebenfalls einen guten Draht zum Gehirn nachsagt.

Der depressive Darm

Wenn wir Fieber haben und mit einem Infekt kämpfen, ändert sich unser Verhalten. Wir legen uns ins Bett, ziehen die Decke über den Kopf, wollen mit niemandem sprechen, sind müde und antriebslos. Dieses Verhalten ist sinnvoll, denn wenn wir unsere Kräfte schonen, kann das Immunsystem die Erreger leichter bekämpfen. Verantwortlich für Fieber, Mattigkeit, Lustlosigkeit und Rückzug sind Entzündungsstoffe, sogenannte Zytokine. Diese sind wichtige Waffen der Abwehrzellen zur Bekämpfung von Krankheitserregern. Gleichzeitig legen Zytokine das „System Mensch“ vorübergehend lahm, damit keine unnötigen Energieressourcen für den Gang ins Büro oder anstrengende Hausarbeit verschwendet werden. Haben wir die Krankheit erfolgreich überstanden und hat das Immunsystem den Feind erfolgreich bekämpft, sinken die Zytokinspiegel. Die Lebensgeister kehren zurück und wir sind wieder so aktiv und kontaktfreudig wie zuvor. Die Zusammenhänge zwischen Infekt und psychischer Beeinträchtigung liegen auf der Hand und sind jedem bekannt.

Doch was ist, wenn die Arbeit des Immunsystems nicht so eindeutig sichtbar ist? Nicht jede Entzündung oder Abwehrreaktion des körpereigenen Verteidigungssystems macht sich wie ein schwerer Infekt mit Fieber oder wie ein Insektenstich mit Rötung, Schwellung und warmer Haut bemerkbar. Oft arbeitet das Immunsystem im Verborgenen und verursacht nur unterschwellige Entzündungen. Doch glaubt man aktuellen Untersuchungen, scheinen gerade diese unsere Stimmung in den Keller zu befördern.

Im Blut depressiver Menschen weisen Forscher immer häufiger deutlich erhöhte Konzentrationen der Entzündungsbotenstoffe (Zytokine) nach. Eine große „Entzündungsbaustelle“ ist nicht selten der Darm. Durch ein Leaky-Gut-Syndrom oder andere chronische Störungen im Darm kann eine schwelende unterschwellige Entzündung entstehen. Mit dem bloßen Auge lassen sich diese Veränderungen noch nicht erkennen, Beschwerden verursachen sie ebenfalls nicht. Mit sensiblen Labormethoden kann man sie jedoch aufspüren. Blutuntersuchungen zeigten kürzlich, dass 35 Prozent aller depressiven Patienten Zeichen eines Leaky-GutSyndroms aufweisen. Durch den löchrigen Darm huschen bakterielle Schadstoffe leichter ins Blut. Lipopolysaccharide (LPS) sind zum Beispiel solche üblen Gesellen, die dem Darm zu schaffen machen. Es handelt sich hierbei um Bruchstücke von Bakterienwänden. Sie lösen überall dort, wo sie im Körper auf Abwehrzellen stoßen, eine fiese Entzündung aus und lassen den Spiegel der Entzündungsbotenstoffe nach oben schnellen. Diese Abwehrmechanismen sind eigentlich eine gesunde Strategie des Körpers, denn sie verhindern, dass sich Keime im Körper ausbreiten. Strömen aber ständig neue Bakterienwandbestandteile durch die lecke Darmwand, muss das Immunsystem ständig an neuen Fronten kämpfen. Das schädigt den Organismus und lässt die Stimmung in den tiefsten Keller absacken. Denn selbst die Produktion des körpereigenen Glückshormons Serotonin kommt ins Stottern, wenn zu viele Entzündungszytokine im Darm produziert werden. Inzwischen weiß man, dass genau diese schwelenden Entzündungen mit dem Beginn einer Depression, mit bedrückter Stimmung oder chronischer Müdigkeit und Erschöpfungssymptomen in Verbindung stehen. Entzündungen sind wahrscheinlich das verbindende Element zwischen einem löchrigen Darm und einem depressiven Gehirn.

Wird jedoch die Darmbarriere wieder gestärkt und stabilisiert, geht auch die Resorption der LPS zurück. Werden Entzündungen eingedämmt, machen wir damit auch die grauen Zellen glücklich. Verabreichte man keimfrei aufgezogenen Ratten 14 Tage lang den probiotischen Keim Bifidobacterium infantis und setzte sie dann starkem Stress aus, stieg der Spiegel der Entzündungsmarker weniger stark an als bei den Ratten ohne Keimschutz. Und noch etwas erstaunt: Allein durch die Gabe dieses einen Keimstamms begannen die Rattendärme, mehr glücklich machendes Tryptophan zu produzieren.

Viele Darmkrankheiten, bei denen die Bakterien-WG aus ihrem stabilen und gesunden Zustand gerät, wie zum Beispiel das Reizdarmsyndrom, gehen gleichzeitig mit einer psychischen Beeinträchtigung einher. Umgekehrt leiden aber auch gerade Menschen mit starken psychischen Belastungen besonders häufig unter Verdauungsproblemen. Teilweise sind Bauchschmerzen und Verdauungsbeschwerden sogar die ersten Hinweise auf eine sich entwickelnde Depression.

Aus dem Bestseller Buch „Schlau mit Darm“ von Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann