Schlank mit Darm - Die Verwandtschaft der Darmbakterien

Die Verwandtschaft der Darmbakterien - wer gehört zu wem?

Mein Name ist Coli, Escherichia coli! Escherichia coli, meist abgekürzt mit E. coli, ist wahrscheinlich das berühmteste Darmbakterium, und das, obwohl es nur in einer verschwindend geringen Zahl im Darm vorkommt. Der Grund: Mit den früher üblichen Verfahren ließen sich die meisten Darmbewohner gar nicht anzüchten, aber E.-coli-Bakterien waren anspruchslos und wuchsen munter auf den Nährstoffplatten, weshalb man ihnen zunächst eine große Bedeutung zusprach. Die Chefs im Darm sind jedoch andere. Bacteroides, Firmicutes oder Bifidum sind nämlich keine römischen Legionäre, die in Gallien kleine unbeugsame Dörfer in die Knie zwingen wollen. Vielmehr handelt es sich hier um die Bakteriengruppen, die mehr als 90 Prozent der Lebewesen in unserem Gedärm ausmachen. Sie streiten aber ähnlich kämpferisch wie die römischen Soldaten um die Vorherrschaft und – je nachdem, wer siegreich aus der Schlacht hervorgeht – entscheiden darüber, ob wir ohne Mühe schlank bleiben oder eher zu ein paar Pfunden mehr neigen.

Die Darmbewohner lassen sich in ein paar Großfamilien unterteilen. Wie es in einer Familie üblich ist, sind die meisten von ihnen miteinander verwandt, was aber nicht heißt, dass alle den gleichen Charakter haben. Das ist bei den Darmbakterien nicht anders. Auch hier gibt es höfliche und unfreundliche Gesellen. Bei Familie Firmicutes gibt es zum Beispiel viele, die einfach nur gerne futtern und auch den Darmbesitzer an den zusätzlich gewonnen Kalorien teilhaben lassen. Das führt zwar schnell zu Gewichtsproblemen, ist aber nicht akut lebensgefährlich. Clostridium difficile – der Keim mit dem komplizierten Namen – ist hingegen der missratene Neffe der Firmicutes. Viele haben ihn im Darm und er hält so lange die Klappe, solange er von anderen Darmbewohnern in Schach gehalten wird. Werden diese aber durch eine Antibiotikatherapie dezimiert, macht er sich breit und kann dann ungemütlich oder sogar gefährlich werden. Der „missratene Neffe“ produziert Giftstoffe, die zu lebensbedrohlichen Durchfällen führen. Oft hilft dann nur eine noch intensivere Antibiotikatherapie, die auch diesen ungemütlichen Gesellen erwischt oder – bisher nur in Ausnahmefällen durchgeführt – eine Stuhltransplantation.

„Stuhltransplantation“ hört sich unappetitlich an, ist es auch, dafür aber sehr wirkungsvoll: Dem Erkrankten wird über eine Nasensonde der Stuhl eines Gesunden eingeflößt. Auf diese Weise erhält er Milliarden schützender Darmbakterien, die dem gefährlichen Keim den Garaus machen und somit möglicherweise das Leben des Patienten retten. Auch zur Behandlung von anderen Erkrankungen hat man die Stuhltransplantation schon ausprobiert. Zuckerkrankheit oder Übergewicht besserten sich, wenn der Patient Stuhl eines gesunden und schlanken Spenders erhielt.

Aber es gibt noch mehr ungleiche Geschwister. 2011 kam es in Deutschland zu einer EHEC-Epidemie, die Einwohner und Medien gleichsam in Atem hielt. EHEC ist die Abkürzung für „Enterohämorrhagische E.-coli-Bakterien“. Diese sind die bösen Brüder der harmlosen E.-coli-Bakterien und können nicht nur zu Bauchkrämpfen führen, sondern auch schwere Nierenschäden und Nervenstörungen verursachen. Einige Erkrankte leiden noch heute unter den Folgen.

Da also jede Familie unterschiedliche Charaktere beherbergt, ist es selbst für Wissenschaftler oft gar nicht so einfach herauszufinden, welches Mitglied welche Eigenschaften besitzt. So lassen sich auch die Milchsäurebakterien, die Laktobazillen, nicht alle über einen Kamm scheren. Die Werbung verkauft uns diese Darmbewohner in den sogenannten probiotischen Milchprodukten als ausschließlich gesund. Einige Stämme scheinen tatsächlich vor Allergien zu schützen, manche können eventuell bei einer Gewichtsreduktion hilfreich sein. Dennoch zählen sie zur Großfamilie der „Hüftgoldbakterien“ und Studien haben gezeigt, dass einige von ihnen durchaus auch in der Lage sind, das Gewicht ordentlich in die Höhe zu treiben.

Aus dem Bestseller Buch „Schlank mit Darm“ von Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann